Nach der Pause eine deutsche Erstaufführung: „Freude“ aus Stockhausens neuem Werkzyklus „Klang“ ist ein erfrischender Kontrast. Die beiden Harfenistinnen Marianne Smit und Esther Kooi gleichen in ihren bauschigen weißen Kleidern zwei Engeln. Was läge da näher, als plätschernde Harfenklänge zu erwarten, vorgetragen in himmlischer Eintracht? Doch diese beiden Gottesboten nehmen es mit dem klassisch-schönen Klang scheinbar nicht so genau. Sie zeigen Temperament: Mal zupfen sie die Saiten, mal zerren sie daran, manchmal reiben sie mit der ganzen Handfläche darüber, schlagen sogar zu. Und ihr Gesangsstil orientiert sich erfreulicherweise nicht am Opern-Ideal. Keine voluminösen Stimmen: Es wird absichtlich gehaucht; die Harmonien reiben sich in Halbtonschritten aneinander. Wie der lateinische Text Silbe für Silbe durchdekliniert wird, das hat eine erfrischende Beiläufigkeit. Manchmal werden die Worte zu Rhythmen, abgesetzt vom perlenden Harfenklang. Die Spielerinnen sind absolut aufeinander konzentriert, spielen synchron, dann wieder versetzt, nehmen Tempo auf, verharren wieder. Der schöne Klang der Harfe bleibt erhalten, aber befreit von seinem übersüßten Wattewölkchen-Image: Solchen Engeln würde man wohl auch im Himmel gern lauschen. „Das war so schööön“, rufen sich die Zuhörer hinterher zu.
(INGRID BÄUMER in de Kölner Stadt-Anzeiger van 12 juli 2006) (foto's: Alain Taquet)