„Freude“ am „Klang“

 
Kürten - Das Publikum sitzt in fast kompletter Dunkelheit, nur ein kleiner Punkt an der Wand hoch oben über der Bühne wird von einem einzigen Scheinwerfer erleuchtet. Der runde Spot ist neben dem Glühen des Mischpultes die einzige visuelle Orientierungsmöglichkeit für das Publikum, das von allen Seiten von einer wabernden Melange aus Gesang, Schnalzen und Stimmen umschwemmt wird. Aber sie sind nicht hier um zu sehen, sondern um zu hören: Karlheinz Stockhausen ist tot, und sie sind hier, um seiner zu gedenken. Stockhausens Einfluss auf die Musik des letzten Jahrhunderts ist enorm. Durch seine innovative und vielschichtige Herangehensweise erarbeitete der 1928 in Kerpen geborene Komponist neue kreative Spielarten der Musik. Zum Beispiel wurden Raum oder Zufall als musikalische Faktoren miteinbezogen, wiederkehrende Themen wurden in der „Formelkomposition“ zur Grundlage seiner Stücke, und durch die so genannte „Szenische Musik“ wurden später sogar die Musiker selber als Akteure aktiv ins schöpferische Geschehen integriert. Das Gedenkkonzert bestand aus zwei circa 40 Minuten langen Teilen: Zuerst das Werk „Freude“, die zweite Stunde aus dem Zyklus „Klang“, und dann die „Engel Prozessionen“ aus dem Zyklus „Licht“. „Freude“ ist ein Stück für zwei Harfen, das an diesem Abend von Marianne Smit und Esther Kooi aufgeführt wurde. Die beiden Harfenistinnen waren die Originalinterpretinnen bei der Uraufführung des Werkes 2006 im Mailänder Dom und bei der folgenden Tonaufnahme, außerdem ist ihnen das Stück gewidmet. Die tiefe Verbindung zwischen den Musikern, dem Komponisten und der Musik war spürbar. Die beiden Damen meisterten das hochkomplexe Stück mit Bravour und Leichtigkeit. Die Harfen und die Stimmen der Künstlerinnen überlagerten sich immer wieder und schufen so eine manchmal schöne, manchmal aber auch raue musikalische Landschaft die das Publikum in ihrem Bann hielt. Die Harfen wurden hierbei nicht nur gezupft, sondern auf vielfältigste Weise geschlagen, gestreichelt, gezwickt und geklopft. Herausstechend war hier nicht nur die Präzision, mit der Smit und Kooi ihre Instrumente beherrschten, sondern auch ihr Timing und die Bestimmtheit ihres Gesangs. Die „Engel Prozessionen“ entfernten sich von der Aufführungspraxis ein ganzes Stück von „Freude“, denn man saß in Dunkelheit und das Stück kam vom Band. Lautsprecher, welche von der 8-Spur-Aufnahme gezielt angesteuert werden konnten, umringten das Publikum. So wurden die Sänger relativ zueinander im Raum positioniert, was dem Werk der geographischen Wahrnehmung der Musik eröffnete. Der Zuhörer fand sich im Zentrum von verschiedenen Engelschören, die sich in Prozessionen durch den Raum bewegten und das Publikum mit sehr abstraktem, vielschichtigem Gesang umspielten. Alles in allem war es ein sehr interessantes, allerdings für den Neue-Musik-Laien etwas schwer verdauliches Konzert. Die musikalischen Performances waren spannend und frisch, besonders das Spiel mit Raum und Bewegung bei „Engel Prozessionen“ war innovativ und anregend. Karlheinz Stockhausen ist tot, seine Musik lebt weiter.

MARKUS WESSEL-THERHORN (Bron: Kölner Stadt-Anzeiger 26 december 2007)