Verneigung vor einem Genie

KÜRTEN. Zwei Harfen im Scheinwerferlicht. Mehr nicht. Spartanisch wirkt das Bühnenbild in der Kürtener Sülztalhalle. Zwei junge Musikerinnen aus den Niederlanden, Ester Kooi und Marianne Smit, spielen Stockhausens „FREUDE“, die zweite Stunde aus „KLANG“, dem unvollendet gebliebenen Riesenwerk des am 5. Dezember verstorbenen Kürtener Komponisten und Ehrenbürgers.

Zupfen, klopfen, schlagen, streicheln

Die Harfenistinnen zupfen die Saiten, sie streicheln, klopfen, schlagen und liebkosen ihre Instrumente - immer synchron, immer auf allerhöchstem musikalischem Niveau. Und mit Klängen, die so gar nicht nach Trauer wirken. Fröhlich und beschwingt kommt „FREUDE“ daher. Die Uraufführung dieses Stückes fand im vergangenen Jahr im berühmten Mailänder Dom statt, ebenfalls mit diesen beiden Musikern. Jetzt spielen Ester Kooi und Marianne Smits in der Sülztalhalle: eine Hommage an Stockhausen, den Weltbürger mit Heimatverbundenheit. Seine Musik in Kürten aufzuführen, ist mittlerweile Normalität - kein zweiter Ort kann da mithalten.

Nach einer Dreiviertelstunde endet das Stück so plötzlich wie es begonnen hat. Die Musikerinnen verbeugen sich, alle 300 Besucher, die am Samstagabend auf Einladung von Gemeinde Kürten und Stockhausen-Stiftung zum Gedenkkonzert in die Sülztalhalle gekommen sind, sind verzückt und danken mit donnerndem Applaus - minutenlang.

Es ist eine besondere Atmosphäre, die dieses Stockhausen-Konzert ohne Stockhausen verbreitet: Fast scheint es so, als stünde der Komponist an seinem Mischpult - so wie in allen Jahren zuvor. Mit strengem Blick und höchster Konzentration. Aber statt Stockhausen führt Kathinka Pasveer, gemeinsam mit Suzanne Stephens engste Vertraute des Komponisten, die Klangregie.

Kürten und Stockhausen. An diesem Abend ist die tiefe Verbindung, die der Komponist zu seiner Gemeinde hatte, zu spüren. Es ist kein Zufall, dass zum Gedenkkonzert nach Kürten in die Sülztalhalle eingeladen wurde - und nicht etwa in der Kölner Philharmonie. Stockhausen liebte die Sülztalhalle wegen ihrer Akustik, hier gab es in der Vergangenheit regelmäßig Erstaufführungen wichtiger Kompositionen. Eine kleine Ausstellung zeigte am Samstag Konzertplakate aus aller Welt und den Visionär der elektronischen Musik als „jungen Wilden“ bei Auftritten in London, Barcelona und Rom. Stockhausen reiste durch die Welt und kam immer zurück nach Kürten. „Darauf habe ich in der Vergangenheit ja hinzuweisen versucht. Stockhausen hat eine enge Verbindung zu Kürten gehabt“, betonte Bürgermeister Ulrich Iwanow am Rande des Gedenkkonzerts. Dass Stockhausens Erbe von Kürten und den Kürtenern gepflegt werden müsse, stehe für ihn außer Frage. „Aber diese Sache muss mit großer Ruhe und in Abstimmung mit seiner Stiftung angegangen werden.“ Er sei jedoch sehr zuversichtlich, dass sich für die Zukunft eine angemessene Lösung finden lasse, die allen Seiten gerecht werde.

CLAUS BOELEN-THEILE (Bron: Kölnische Rundschau, 24 december 2007)