
KLANG
Die 24 Stunden des Tages
Zweite Stunde
FREUDE für 2 Harfen
(2005)
Die Erste Stunde meines neuen Zyklus KLANG (Die 24 Stunden des Tages) war ein Auftrag von ArtAche, Mailand, einer Institution des Mailänder Domes mit ihrem künstlerischen Leiter Don Luigi Garbini. Ich nannte ihn KLANG – Erste Stunde: HIMMELFAHRT, weil er zum Himmelfahrtstag am 5. Mai 2005 uraufgeführt wurde. Die Partitur ist für Orgel, Sopran und Tenor komponiert.
Nach dieser Uraufführung frug mich Don Luigi, ob ich die Zweite Stunde von KLANG zu Pfingsten 2006 komponieren könne. Ich nahm glücklich das Angebot an und hörte und sah innerlich ein Werk für zwei Harfen. Während des Komponierens stellte ich mir die beiden holländischen Harfenistinnen Marianne und Esther vor, beide 21jährig, die gemeinsam wohnen, Aufführungen spielen und wahre Idealistinnen sind. Eine der beiden ist eine Nichte der Flötistin Kathinka Pasveer, für die ich so viele Flötenkompositionen schrieb.
Zunächst wählte ich den Titel Pfingsten und entschied, daß die beiden Harfenistinnen auch alternierend und zusammen singen, nämlich den Haupttext von Pfingsten Veni Creator Spiritus, während sie ihre Harfen zupfen, pflücken, streichen, schlagen, zwicken, reiben, streifen, stoßen, klopfen, jubilieren.
In Übereinstimmung mit den 24 Zeilen des Hymnus habe ich 24 musikalische Momente wie die 24 Stunden des Tages komponiert, so daß die Zweite Stunde von KLANG wie ein voller Tag in einer Stunde des Tages ist.
Im Laufe des Komponierens änderte ich den Titel zu FREUDE. Mein Grundgefühl war Freude. Ich erlebte im Geiste immer wieder die Uraufführung im Mailänder Dom, den Enthusiasmus der zwei Mädchen, ihr Spielen und Singen. Die Partitur muß gewiß diese phantastische Freude meines Geistes und meiner Seele während der vielen Monate der Kompositionsarbeit bewahrt haben. Es liegt etwas Einmaliges in dem Abenteuer, zwei Harfen, die normaler Weise in diatonischen Tonleitern gestimmt sind, als eine große chromatische Harfe zu vereinigen.
Nun habe ich auch verstanden,
warum ich Don Luigi die Zeichnung eines griechischen Harfe spielenden
Engels schickte, um ihn an die göttliche Rolle dieses Instrumentes zu
erinnern. Pfingsten vereinigt, was getrennt war. Mein Werk FREUDE auch.
K. Stockhausen, 15. Februar 2006